Völkerwanderung

21. April 2018

 

foto Die Ereignisse überschlagen sich dieser Tage irgendwie. Als ob schlagartig alle Welt aus dem Winterschlaf erwachte und in regen Aktionismus verfiele.

Gestern wurde bekannt, dass flickr von SmugMug gekauft wurde. Ein Eintrag im flickr Blog enthält Fragen und Antworten zur Transaktion. Der wesentliche Satz ist

You have until May 25, 2018 to either accept SmugMug’s Terms and Privacy Policy or opt out.

Ich bin mit einer Unterbrechung seit Mai 2006 auf flickr, das sind fast auf den Tag genau zwölf Jahre. Eine ziemlich lange Zeit, in der sich erstaunlich viel begab. flickr hatte an nicht wenig davon einen Anteil, ja hat sogar Teile des 'Fotosharing' wie wir es heute kennen erst geprägt. Wenn ich SmugMug nutzen wollte, hätte ich das schon längst tun können. Warum sollte ich die genannten Dinge also jetzt akzeptieren? Das ist es dann gewesen nach zwölf Jahren.

Abschottung

Meine Unzufriedenheit mit solchen Diensten liegt hautpsächlich an ihrer Abschottung.

Ich kann mit jedem telefonieren, dessen Telefonnummer ich habe, vollkommen unabhängig davon, bei welcher Telefongesellschaft derjenige ist. Das selbe gilt für den Austausch von Kurznachrichten über SMS. Und ich kann auch E-Mails versenden, ohne, dass ich darauf achten muss, bei welchem E-Mail-Provider der Empfänger ist, E-Mail-Adresse genügt.

Hingegen genügt eine Transaktion wie die obige um die ganze über Jahre gewachsene Nutzung eines solchen Dienstes auf den Kopf beziehungsweise unter neue Regeln zu stellen. Warum sollte ich das mitmachen?

Und dennoch ziehen es die Nutzer vor, sich hinter die abgeschotteten virtuellen Mauern eines Dienstes wie Facebook, Whatsapp oder eben flickr zu begeben, wo sie unerreichbar sind für jeden, der dort nicht teilnimmt.

Wilder Westen

Mit dem Entstehen solcher Dienste damals setzte ein Wildwuchs ein, bei zig verschiedenen Diensten will ein Benutzerkonto unterhalten werden nur, um mit bestimmten Kontakten in Verbindung zu bleiben. Und die 'Terms and Conditions' sowie 'Privacy Policies' sind jeweils ein Witz. In Wildwestmanier wird den Benutzern ein Regelwerk auferlegt, das kein vernünftiger Mensch akzeptieren kann.

Sobald eine Veränderung bei einem dieser Monopolisten eintritt setzt eine regelrechte Völkerwanderung ein und ehemals lebhafte Online-Gemeinschaften sind plötzlich entvölkert.

Das wäre kein Problem, wenn nicht die Verständigung mit den Nutzern an diese Dienste gebunden wäre. So muss erst einmal gesucht werden, wo die Kontakte, mit denen online Austausch gepflegt wurde, eigentlich geblieben sind. Und dann musste entscheiden werden, ob man es ihnen gleich tat und ebenfalls wanderte und wechselte. 

Alles vollkommen unnötige Dinge, wenn es eine Möglichkeit gäbe, über verschiedene Dienste hinweg miteinander zu kommunizieren. Oder anders formuliert, wenn jeder Dienst es nicht als eine Strategie zur Kundenbindung betriebe, seine Teilnehmer vom gesamten Rest der Welt abzuschotten.

Umdenken

Es ist höchste Zeit, mit diesem Zustand Schluß zu machen. Vielleicht erlebe ich ja noch ein Umdenken, das dazu führt, dass die gewohnte dienst- und providerunabhängige Kommunikation auch in unsere digitale Welt einzieht. Es bräuchte so wenig dafür. 

Ein Benutzerkonto, von dem aus jeder sich an beliebigen Diensten anmelden kann. Nachrichten und Inhalte auf dem jeweils genutzten Dienst über Dienste hinweg verknüpfen. Gegenseitige Unterstützung der Mechanismen für Authentifizierung und Autorisierung, also die dienstübergreifende Unterstützung der Einstellungen zur Privatsphäre.

All das ist technisch möglich und sollte bei keinem Online-Dienst fehlen.

Aber an einer Herstellung solcher Funktionen haben die Dienste kein Interesse, solange es ihre Nutzer nicht fordern, zur Voraussetzung machen und auch bezahlen, selbstverständlich.

Schlussakkord

Ich möchte nicht für flickr oder SmugMug oder irgendeinen anderen Dienst auf meine Selbstbestimmtheit verzichten und sei es nur in Teilen. Es läßt sich einfach nicht überblicken, welcher Dienst welche Eigenheiten beinhaltet. Schon zu oft habe ich erfahren, welche Abhängigkeit damit einher geht und wie die Dienste dies zu meinen Ungunsten ausnutzen können.

Für mich war flickr stets die Ausnahme von meiner eigenen Regel, das nicht mitzumachen. Ich bin nun einmal sehr enthusiastisch mit der Fotografie beschäftigt, da gefiel mir dieser Dienst immer am besten, um mich darüber mit Gleichgesinnten auszutauschen. Aber ich habe einfach keine Lust mehr, dieses Heckmeck der Online-Völkerwanderungen auch nur noch ein einziges Mal weiter mitzumachen. 

Man möchte nicht glauben, in welche Isolation man sich mit einem solchen Schritt begibt. Von einem Moment zum Anderen ist man von allem abgeschnitten, obwohl doch unsere digitalisierte Welt die besagten Möglichkeiten der weltumspannenden Kommunikation bietet. Aber die monopolistischen Dienste haben es verstanden, die Menschen an sie zu binden oder sich quasi selbst 'abzumelden'. 

Nun, so sei es.

Abschied und Ausblick

Lebt wohl, liebe Freunde auf flickr. Und vielleicht auf Wiedersehen, wenn es doch irgendwann eine digitale Kommunikationsform gibt, die ähnlich des Telefons, E-Mail oder SMS uns wieder alle miteinander verbindet.

Dafür braucht es nichts weiter als standardisierte Kommunikationsprotokolle, die jeder Dienst unabhängig von seinen eigenen Funktionen implementiert und so die dienstübergreifende Kommunikation unterstützt. Großenteils gibt es diese Protokolle schon. Warum nicht ein Gesetz erlassen, das zwingend solche Eigenschaften für Online-Dienste vorschreibt? 

Ein solches Gesetz könnte vollkommen offen lassen, welche technischen Grundlagen oder Standards zum Einsatz kommen und einfach nur regeln, dass es die dienstübergreifende Kommmunikation uneingeschränkt geben muss. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, meine aber, dass wir Nutzer es zu lange den Diensten überlassen haben, etwas in unserem Sinne zu unternehmen. Es ist langsam an der Zeit, das zu erzwingen.

Foto:
Frankfurt, Dezember 2017
Fuji Venus 800, Summilux-M 35





 

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